24. Oktober 2018, RWE Power AG

Wenn Romantik die Vernunft verdrängt

Evonik-Chef Christian Kullmann fordert eine sichere Energieversorgung für die chemische Industrie. Auch die Stahlindustrie warnt vor einem übereilten Ausstieg aus der Kohleverstromung.

Beim Innovationskongress der IG Bergbau Chemie Energie geht es um Industrie und Klimaschutz – und plötzlich auch um den Hambacher Forst.

Christian Kullmann ist nicht nur ein großer Fan der Kicker von Borussia Dortmund. Der Chef des Essener Chemiekonzerns Evonik gilt auch als Mann der klaren Worte. Und um die war der Manager auch beim Innovationsforum Energie der IG BCE in Berlin am vergangenen Donnerstag nicht verlegen.

Kullmann fordert in seiner Rede nicht weniger als eine deutliche Kurskorrektur bei der hiesigen Energiepolitik. Es sei ja schön und gut, dass die Klimarettung tief im Bewusstsein der Menschen verankert sei. „Es ist ein romantisches Gefühl, das viele mit Leidenschaft und Herzblut antreibt“, rief der Evonik-Chef seinem Publikum zu. Dafür habe er Verständnis. Nur sei es wichtig, dass man die Vernunft nicht völlig außer Acht lasse. Kullmann: „Poesie gehört nicht in die Realität der Zukunftsgestaltung einer Industrienation.“ Man müsse in pragmatischer Vernunft handeln, nicht in Parolen.

Eindringlich warnte der Konzern-Chef aus dem Revier vor einem überhasteten Ausstieg aus der Kohle. „Es müssen Antworten auf die Fragen gefunden werde, wie die chemische Industrie in Zukunft sicher mit Energie versorgt werden kann – rund um die Uhr, zu international wettbewerbsfähigen Preisen.“ Schließlich werde es noch Jahre dauern, ehe komplett auf regenerative Energien umgestellt werden könne. Aktuell sehe er hier noch keine Lösungen, insbesondere keine, die den Anforderungen der energieintensiven Industrie an Sicherheit und Bezahlbarkeit gerecht würden.

In diesem Zusammenhang kam Kullmann auch auf die Vorgänge im Hambacher Forst zu sprechen. Er übte scharfe Kritik an Greenpeace und BUND, weil diese sich weigerten, dort gegen Gewalt aufzurufen. „Für Grüne und Umweltorganisationen ist der Hambacher Forst ein sehr nützliches Symbol. Ein perfektes Mittel, um ein komplexes Thema auf ein Stück Wald zu reduzieren.“

Neben Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), die dafür warb, den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid im Verkehr- und Gebäudesektor zu verteuern und Klimaschutz dadurch wirtschaftlich attraktiv zu machen, war IG BCE-Chef Michael Vassiliadis einer der Hauptredner auf „seinem“ Kongress. Der oberste Gewerkschaftler bezeichnete den Plan der Bundesregierung, die Treibhausgase bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren, als „keinen Spaziergang“ für die Industrie. Aber es ist nach seinen Worten „maximal reizvoll“ diese Herausforderung anzunehmen.

Vassiliadis forderte, sich bei der Umsetzung der Klimaziele auch auf die Instrumente zu besinnen, die vor Ort zur Verfügung ständen. „Wir haben eine hohe Innovationskraft, wir haben eine große Wertschöpfung.“ So müsse etwa eine verbesserte Energieeffizienz viel stärker in den Mittelpunkt rücken. „Die Regenerativen müssen Verantwortung übernehmen in Sachen sicherer Versorgung und Preis. Vorher ist es fahrlässig, sich auf Abschaltszenarien einzulassen“, erklärte der IG BCE-Chef unter dem Beifall der Anwesenden und sagt weiter: „Wir müssen raus aus den Ideologien und wieder zurück in die Ingenieurbüros.“ Notwendig sei eine kohärente Politik – und insbesondere eine Beschleunigung des Netzausbaus. 2017 hätten wir in Deutschland nur 30 Kilometer neue Netze gebaut – nicht viel mehr, als eine Weinbergschnecke mit 27 Kilometer pro Jahr zurücklegt.

Inzwischen hat auch der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, vor einer übereilten Stilllegung der Kohlekraftwerke geplant und betont, dass ein Ausstieg aus der Kohleverstromung der Industrie nicht schaden dürfe.